Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Hildegard Burjan - Mit Spannungen leben

Zeugnis eines Lebens - Artikel Werkheft - Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL)

Sr. Karin Weiler CS

Hildegard Burjan, (30. 1. 1883 in Görlitz a. d. Neisse 11. 6. 1933 in Wien): verheiratet, Mutter, Jüdin, die sich nach lebensbedrohlicher Erkrankung taufen lässt, Akademikerin mit wachem Blick für gesellschaftliche Entwicklungen, erste weibliche christlich-soziale Abgeordnete im österreichschen Parlament, Gründerin der Gemeinschaft apostolischen Lebens Caritas Socialis (CS), Sozialpionierin nach dem Motto Die Liebe Christi drängt uns (2 Kor 5, 14), in Gott verwurzelte Frau, tatkräftig, innovativ und mutig.

Das Leben Hildegard Burjans war geprägt von vielfältigen Spannungen: zwischen Politik und Kirche, zwischen Ehe, Familie und Gründung einer Schwesterngemeinschaft, zwischen Verpflichtungen in einem herrschaftlichen Haushalt und dem Engagement für die Ärmsten der Gesellschaft, zwischen ihrem einfachen Glauben und dem tatkräftigen, mutigen Auftreten als Frau in der Kirche, zwischen Hilfe für Einzelne und nötigen strukturverändernden Maßnahmen, zwischen der Pflege der Beziehung zu Gott und ihrem vielfältigen Engagement, zwischen Gottvertrauen und großem persönlichen Einsatz.

Gisbert Greshake nennt als ein Spezifikum der Spiritualität Hildegard Burjans und damit ihren Beitrag zu einer neuzeitlichen Spiritualität den Umgang mit Spannungen. In den Pluralität der Postmoderne hätten Glaubende die spirituelle Aufgabe, Spannungen nicht auszuweichen, sondern sich ihnen zu stellen im Glauben, dass Gott selbst es ist, der in der ganzen zerreißenden Pluralität unseres Lebens die Einheit garantiert und sie tiefinnerlich wirkt, und in der Hoffnung, dass Gott selbst zuletzt die Auflösung der Ecken und Kanten, der Spannungen und Widersprüche unseres Lebens herbeiführen wird. Hildegard Burjan hat tiefgreifende Spannungen in der Verwirklichung ihres Glaubens erfahren, hat sie aber nicht verdrängt oder zugunsten eines Pols aufgelöst, sondern im ständigen Hören auf den Ruf Gottes durchlebt und durchlitten.

Gott, wenn du bist, zeige dich mir.
Hildegard Burjans Bitte drückt die spannende Ambivalenz ihres Suchens nach Gott aus. Einerseits ist sie sich gar nicht sicher, ob es Gott überhaupt gibt, andererseits spricht sie IHN in ihrer Bitte als DU an. Die junge Frau war als nüchterne Philosophin auf der Suche nach dem letzten Sinn. Zum Glauben an Gott fand sie erst in ihrer lebensbedrohenden Erkrankung und zwar durch das Beispiel tätigen Glaubens der sie liebevoll pflegenden Ordensfrauen im Berliner St. Hedwig Krankenhaus.

Gott finden in den Zeichen der Zeit
Wenn mir der liebe Gott nur ein Brieferl schreiben würde Hildegard Burjan ist stets auf der Suche nach dem Willen Gottes und findet SEINE Spuren in den Herausforderungen ihrer Zeit. Gott gibt uns den Verstand, damit wir die Not einer Zeit, die Ursachen der Not, die Mittel, die zur Abhilfe führen, erkennen. Er stellt uns nicht zufällig mit unseren äußeren Verhältnissen zusammen, spricht nicht zufällig mit unseren Herzen, legt nicht zufällig den Zug zu dieser Arbeit hinein.

Martha und Maria sein
1919 gründet Hildegard Burjan die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS). Die Frauen, die sich der neuen Gemeinschaft anschließen, sind als Weggefährtinnen Hildegard Burjans sozial und politisch tätig und erfahren. Hildegard Burjan veranstaltet Exerzitien für sozial engagierte Frauen. Der Wunsch, diese religiöse Vertiefung fortzusetzen, führt zur Gründung der CS. Als Überschrift der ersten Leitsätze der sozial tätigen Gemeinschaft überrascht der Bibelvers Ruhet ein wenig aus. (Mk 6,31). Das feine Hören auf die Stimme Gottes, der das Leben der Menschen in Fülle will, führt zum Engagement für Menschen am Rand der Gesellschaft. Aus eigener Erfahrung weiß Hildegard Burjan um die nötige Balance zwischen sich einsetzen für andere und dem zurückkehren zur Ruhe mit DIR und in DIR, wie sie im Tagesgebet der Schwestern formuliert. Die große Ressource und das Fundament ihrer Sendung ist ihr Vertrauen auf die Hilfe Gottes, zu dem sie aus allem Getriebe des Alltags wieder zurückkehren kann. Ob es möglich ist, Martha und Maria zugleich zu sein? Ganz sicher und es ist das große Ideal, das wir versuchen wollen in der CS.

Das Verbindende suchen
Hildegard Burjans Blick für die tieferen Zusammenhänge sozialer Not führt sie in die Politik. Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum. Der Wiener Kardinal Friedrich Piffl bezeichnete Hildegard Burjan als das Gewissen des Parlaments. Eine große Toleranz auch gegenüber weltanschaulich Andersdenkenden zeichnet sie aus. Je fester ein Mensch von seiner Weltanschauung überzeugt und durchdrungen ist, je mehr ihm seine Gesinnung heiligste Herzenssache ist, desto ruhiger erträgt er andere Meinungen, desto mehr sucht er überall das Versöhnende, verbindende heraus und ignoriert bei gemeinsamer Arbeit das Trennende.

Hildegard Burjans Weg durch die Spannungsfelder ihres Lebens und ihrer Zeit bleibt nicht ohne die Erfahrung von Schwierigkeiten und Scheitern. Wir müssen Mut haben und vom Leben noch lernen wollen. ermutigt sie ihre WeggefährtInnen. Halt und Orientierung findet sie im Willen Gottes und formuliert im Weihegebet der Caritas Socialis Ich will nur deine Ehre suchen, vor keiner Schwierigkeit und Mühe zurückweichen, mich durch keinen Misserfolg erschüttern und durch keinen Erfolg von DIR entfernen lassen.

Literatur: Greshake, G.: Selig die nach der Gerechtigkeit dürsten. Hildegard Burjan. Leben Werk Spiritualität, Tyrolia 2008 (zitiert im 1. Abs.); Schödl, I.: Hildegard Burjan Frau zwischen Politik und Kirche, Wien 2008; Was im Leben zählt. Spirituelle Impulse von Hildegard Burjan, Tyrolia 2006; Hildegard Burjan Charismatische Künderin sozialer Liebe; Beten mit Hildegard Burjan eine Novene für heute, zu beziehen:  cs-schwestern@utanet.at; Hinweis: Vertonung des Textes Gott, wenn du bist von F. R. Daffner

< Zurück zur Übersicht