Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Hildegard Burjan - Networkerin, die eine neue Gesellschaft wollte

Liebe Schwestern, liebe Gäste!
Wir sind zusammengekommen, um den Todestag von Sr. Hildegard Burjan zu begehen. Die Lesung und das Evangelium sprechen beide von der inneren Verbundenheit der Glaubenden mit dem Herrn und vom Primat der Liebe des Herrn zu uns, jener Liebe, die uns sehend macht für die Not der Menschen um uns.

Hildegard Burjan  stammt aus einer jüdischen Familie und konvertierte während einer schweren Krankheit, die sie in Berlin ans Bett gefesselt hatte, beim Anblick der liebevollen Pflege der Hedwigschwestern, zur Katholischen Kirche und empfing am 11. August 1909 in Berlin die Taufe. Was in dieser Konversion aufgrund des praktischen Zeugnisses dieser geistlichen Frauen geschah, traf in ihr auf fruchtbaren Boden: nämlich auf den Glauben und das Vertrauen auf den Bundesgott, den sie schon in ihrem jüdischen Glauben kennen gelernt hatte. Was durch die Konversion neu hinzugekommen ist, das war die Christozentrik in ihrem Glauben und in ihrem Leben.

Erste Überlegung: Christozentrik
Ab jetzt ist für Hildegard an die Stelle des Bundesgottes, an den sie als Kind zu glauben und zu beten gelernt hatte, Jesus Christus, der Heiland, getreten. Seine Liebe und seine Sendung wurden die Mitte ihres Lebens. Christus hat Hildegard in ihrer Krankheit neues Leben geschenkt. Sie selbst bekennt: Aus uns (können wir) gar nichts machen ohne die Gnade In einem Brief bekennt sie: Auf die Schulweisheit kommt es nur sehr wenig an, sondern einzig auf den Grad der Verbundenheit mit dem lieben Heiland. In Ihm vermögen wir ja alles, und ohne Ihn sind wir alle ganz bettelarm. In Gott hat sie nun ihr festes Fundament gefunden, auf das sie angesichts persönlicher Grenzen und angesichts des unglaublichen Elends, dem sie begegnete, baute. Christus war nun ihr Bezugspunkt und ihre Liebe. Für sie war das Weinstockgleichnis lebendige Wirklichkeit und damit das Leben und die Liebe, die der Herr schenkt. Ist das nicht das erste und Zentrale, das wir bei Hildegard Burjan lernen sollen und dürfen?

Zweite Überlegung: Soziale Not als Anruf des Herrn.
Nach der Übersiedelung mit ihrem Mann nach Wien entdeckte sie sehr bald das unglaubliche soziale, menschliche, familiäre Elend in dieser Stadt und begann sich dafür zu interessieren. Sie schaltete sich in die Politik ein und war Abgeordnete des Österreichischen Nationalrates, die erste Frau, die in eine solche Position kam. Sie kennt sich aus in der großen Gesellschaft und weiß sich auf dem politischen Parkett zu bewegen. Sie weiß, wie man repräsentiert und wie man argumentiert. Aber sie weiß auch, wie es im Haus armer Leute ausschaut und zugeht. Sie weiß, wie es dort ist, wo man nicht mehr argumentiert, sondern ohnmächtig verstummt. Sie wollte nicht nur karitativ helfen und Menschen in ihren konkreten schweren Nöten versorgen und begleiten, sondern sie wollte und das ist ihre faszinierende Einsicht die Übel an der Wurzel bekämpfen und heilen. Sie wollte eine neue Gesellschaft, wo soziale Liebe das Lebensgesetzt ist: Kinderarbeit, Frauenarbeitslosigkeit, Familienelend sind das unabänderlich verhängte Schicksale? Sie spürt den starken inneren Impuls helfend einzugreifen. Unsere Arbeit ist sozial im Gegensatz zu rein caritativ. Wir müssen bei allem Wert der Einzel- und Kleinarbeit das Große und Ganze im Auge behalten. Nicht uns begnügen mit der einzelnen...Hilfeleistung, sondern neue Mittel und Methoden der Hilfe finden. Von der momentanen Fürsorge müssen wir zurückgehen auf die Wurzel des Übels... Den Zusammenhang mit unseren übrigen modernen Übelständen müssen wir erfühlen, feinhörig schauen, so vielleicht sind [wir fähig, die tiefsten sozialen Zusammenhänge zu erkennen].....  Hier spricht die erfahrene Politikerin, die scharf und klar analysiert und sieht, dass die Probleme in einem Zusammenhang stehen und veränderbare Ursachen haben.

Dritte Überlegung: in Gemeinschaft.
Wie modern diese Frau dachte sieht man an ihrer Strategie. Heute würde sie kräftig in das networking einsteigen, wie das Hildegard Teuschl immer gemacht hat: Seilschaften gründen, Interessensgemeinschaften für politische Ziele. Sie aber hat eine schlagkräftige Frauengruppe zusammengeführt, den Verein Soziale Hilfe, mit dem ausdrücklichen Ziel der Sozialarbeit. Am 4. Oktober 1919 weihen sich 32 Frauen der Caritas Socialis diesem großen Anliegen. Sie spürt, dass es für diese schwierige Arbeit nicht nur äußeren Zusammenschluss und viel Organisation braucht, sondern mehr noch einen inneren Halt und eine persönliche Gottverbundenheit als tragendes Fundament für die soziale Arbeit. Ursprünglich nannten sie sich Franziskusschwestern (unter dem Einfluss von Dr. Ignaz Seipel). Aber sie kam zur Überzeugung: Er (Gott) stellt uns nicht zufällig mit unseren äußeren Verhältnissen zusammen, spricht nicht zufällig mit unseren Herzen, legt nicht zufällig den Zug zu dieser Arbeit (in unsere Gemeinschaft) hinein. (39) Die äußere Not und dieser Zug in der Gemeinschaft sind für sie ein Imperativ von Gott her und geben die weitere Richtung vor, in die sie weitersucht. So wurde ihr immer klarer, der Name der Gemeinschaft solle sich am Programm ihres Lebens orientieren: Caritas Socialis. Sie sagt: ... Wir müssen kluge soziale Arbeit leisten neben der von Herzensbegeisterung getragenen. Wenn diese Merkmale unserer Arbeit uns wirklich in Fleisch und Blut übergehen, dann sind sie gemeinschaftsbildend, denn dann sind sie Merkmale der Caritasschwestern. Das sagt ja unser Name soziale Liebe, die sich nicht auf den Einzelfall, sondern auf alles bezieht. Das tangiert nun unmittelbar die Gemeinschaft, die Auswahl der Kandidatinnen, die Auswahl der Arbeiten und die Ausbildung:  Wir brauchen Menschen, die sich nicht abschließen wollen von den Gefahren des Lebens, die diese selbst bekämpfen wollen, die beten und nach innigster Vereinigung mit Gott streben, die bestimmt wissen, dass alles Werk Schall und Rauch ist, wenn es nicht wahrhaft vom Hl. Geist geführt ...ist Eine der wichtigsten Kriterien, warum sie sich an einem bestimmten Ort einsetzen will und anderswo nicht lautet: weil diese Arbeit sonst niemand tut und tun will.
Liebe Schwestern und Brüder: hören wir nochmals den Beginn der Lesung. Sei spricht von der Liebe, einer sich an Christus orientierenden, kraftvollen Liebe: Wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Gott ist die Liebe.

Severin Leitner SJ
10.06.2009

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