Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Hildegard Burjan - Wegbegleiterin der kfb

Sr. Karin Weiler CS stellte Hildegard Burjan beim 70 Jahr Jubiläum in Maria Plain vor

Am Freitag, 12. 5. 2017 feierte die Katholische Frauenbewegung unter dem Motto "frauen.leben.stärken" ihr 70jähriges Bestehen am Gründungsort Maria Plain. Bei der Wallfahrt zum Gründungsort der kfb in Maria Plain wurden drei Wegbegleiterinnen der kfb vorgestellt: Katharina von Siena, Hildegard Burjan und Herta Pammer. Sr. Karin Weiler CS stellte Hildegard Burjan vor. Das Hildegard Burjan Lied "Stell dich in die Zeit, bereit für ihre Fragen" wurde gesungen. "frauen.leben.stärken" war auch das Anliegen der Gründerin der Caritas Socialis.

Hildegard Burjan - Wegbegleiterin der kfb

Es freut mich, heute Hildegard Burjan als eine der WegbegleiterInnen der kfb vorstellen zu dürfen. Ganz besonders jetzt im Anschluss an Katharina von Siena - denn Hildegard Burjan hat Katharina als eine der Patroninnen der Caritas Socialis ausgewählt.
Katharina verkörpert die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, die gesellschaftliche und politische Dimension der Liebe - "Caritas Socialis". Zugleich zeigt sie, welche Bedeutung eine Frau, selbst in einer von Männern bestimmten Welt, haben kann, wenn sie ihrer Berufung und Sendung folgt.
Damit ist nun auch schon vieles über Hildegard Burjan gesagt.

Hildegard Burjan

Hildegard Burjan ist Jüdin, stammt aus Görlitz in Deutschland. Als eine der wenigen Frauen der damaligen Zeit studiert sie in Zürich. Sie ist auf der Suche nach Glauben und Sinn. In einer schweren Krankheit erfährt ihr Leben die entscheidende Wende. Sie lässt sich taufen. Ihr neu geschenktes Leben soll ganz Gott und den Menschen gehören. Mit ihrem Mann übersiedelt sie nach Wien, wo sie eine Tochter zur Welt bringt und ein reiches soziales Engagement entfaltet. Schließlich wirkt sie im Wiener Gemeinderat und kandidiert 1919 als erste und damals einzige Frau auf christlich sozialer Seite für das österreichische Parlament. 1919 gründet sie die die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis.

Stell dich in die Zeit

Stell dich in die Zeit, bereit für ihre Fragen: Hildegard Burjan gründet den Verein der Heimarbeiterinnen Wiens, um gemeinsam die Arbeitsbedingungen dieser Frauen zu verbessern, gerechte Löhne zu verhandeln, Bildung und Absicherung im Krankheitsfall zu ermöglichen.
Gleichzeitig zeigt sie wohlhabenden Frauen ihre Verantwortung beim Einkauf auf: "Kaufen wir nur bei gewissenhaften Kaufleuten, drücken wir nicht so sehr die Preise, verlangen wir von Zeit zu Zeit von den Fabrikanten Rechenschaft über den Ursprung der Waren! Nur zu oft ist es die wohlhabende Frau, die die Kaufleute zwingt, zu unmöglichen Bedingungen zu liefern und dies geschieht immer auf Kosten der armen Heimarbeiterinnen." Heute nennen wir das Fair Trade. Es sind Anliegen die Sie in der kfb in ihren Projektkriterien definieren.

Politisches Engagement über Parteigrenzen hinweg

1918 erhalten Frauen in Österreich erstmals das Wahlrecht. Hildegard Burjan zieht gemeinsam mit sechs sozialdemokratischen Frauen als erste und damals einzige Frau im christlich sozialen Parlamentsclub ins Parlament ein. Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum. Ihre Anliegen sind damals schon gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Frauengleichstellung, und Bildung.

Beispielgebend und mehr als aktuell ist ihr politischer Einsatz über die Parteigrenzen hinweg. Gemeinsam mit ihren sozialdemokratischen Kolleginnen setzt sie das Hausgehilfinnengesetz durch. Es zeichnet sie aus, um der Sache willen das Verbindende suchen: "Je fester ein Mensch von seiner Weltanschauung überzeugt und durchdrungen ist, je mehr ihm seine Gesinnung heiligste Herzenssache ist, desto ruhiger erträgt er andere Meinungen, desto mehr sucht er überall das Versöhnende, Verbindende heraus und ignoriert bei gemeinsamer Arbeit das Trennende." Hildegard Burjan wird als erste Sozialministerin vorgeschlagen, scheidet aber schon 1920 wieder aus dem Parlament aus. Grund dafür ist der Antisemitismus in der eigenen Partei.

Martha und Maria

1919 gründet sie die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, für die die ausgewählte Bibelstelle von Bedeutung ist:
Lk 10,37ff
Als sie sich aufmachten, ging er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn auf. Und bei ihr war ihre Schwester, die hieß Maria. Diese setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte sein Wort. Marta aber war vom vielen Dienst beunruhigt. Sie trat herzu und sagte: » Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein zurücklässt, um zu dienen? Sprich mit ihr, damit sie mit mir zusammen Hand anlegt!« Jesus antwortete und sprach zu ihr: »Marta, Marta, du sorgst dich und lärmst über die Vielheit. Eines aber ist nötig. Maria hat das gute Teil gewählt, das wird man nicht von ihr wegnehmen.

Marta und Maria, hören und handeln. Die Sehnsucht nach der Verbindung der beiden Pole drückt Hildegard Burjan aus, wenn sie den biblischen Text auf sich und ihre Schwestern hin umdeutend: "Ob es möglich ist, Martha und Maria zugleich zu sein? Ganz sicher und es ist das große Ideal, das wir versuchen wollen in der CS zu erreichen."
Eine Vielzahl von Spannungen gibt es im Leben Hildegard Burjans. So war das Motto ihrer Seligsprechung 2012 "Mit Spannungen leben": als Frau in männerdominierten Bereichen, als Frau in der Politik, in der Kirche, als berufstätige, sozial engagierte Mutter und Familienfrau, als verheiratete Frau, die einer Schwesterngemeinschaft vorstand und als wohlhabende Frau, die sich für die Rechte und gute Lebensbedingungen der ärmsten Bevölkerung engagiert. Letztlich drückt sich die Spannung auch im Namen der Gemeinschaft aus: Caritas Socialis. Liebe, die sich gesellschaftlich erfahren lässt. Das erste Motto, das sie für diese sozial engagierte Frauengemeinschaft wählt, ist verwunderlicherweise: "Ruhet ein wenig aus." Hildegard Burjan lädt nämlich die sozial engagierten Frauen zu Exerzitien ein. Daraus entsteht die Schwesterngemeinschaft. Es geht ihr darum, dass sozial Tätige "immer wieder zurückfinden zur Ruhe mit Gott und in Gott". Eine gute dynamische Balance zwischen den Spannungspolen wünsche ich auch den Frauen, die sich in der kfb engagieren. Ruhet ein wenig aus.

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