Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Homilie von Weihbischof DDr. Helmut Krätzl am Herz Jesu Fest 1. Juli 2011

Es ist das erste Herz Jesu Fest nach der Bekanntmachung der Seligsprechung von Hildegard Burjan. So möchte ich heute besonders in ihrem Geist mit Ihnen das Festgeheimnis betrachten.

Gisbert Greshake betont in seinem Buch „Selig die nach der Gerechtigkeit dürsten“  verschiedene Spannungen im Leben und Denken Burjans. Daran zu denken ist gerade am heutigen Fest wichtig, da es selbst  in einer anderen spirituellen Zeit entstanden heute leicht falsch interpretiert werden kann. Aber auch weil wir selbst heute in so vielen Spannungen leben.

1. Jüdische Wurzeln im Glauben Hildegards

Obwohl sie erst als Christin zum rechten Glauben fand meint Greshake, dass sie, völlig unbewusst, doch das jüdische Erbe des Glaubens in sich trug. Dies zeigt uns, wie wichtig es ist, die gemeinsame Wurzel des Glaubens mit unseren „älteren Brüdern“.  wie der verstorbene Papst es sagte, zu finden, lehrt uns aber auch den Gott des Volkes Israel richtig zu verstehen. Er ist nicht nur  der Gott der Gebote, sondern der Gott der Liebe. Er hat sich ein Volk erwählt, nicht weil es groß und bedeutend war, sondern einfach weil er es liebte. Er hat es auserwählt, weil er es ins Herz geschlossen hat. Erst dann weist er auf seine Gebote hin, nicht um einzuengen,  sondern um die von ihm geschenkte Freiheit sich und anderen zu wahren.

Hildegard wusste um die Gnade der Berufung  ohne jegliches Verdienst. Und sie spürte es ja durch die Ereignisse ihres Lebens. „Weil er sein Volk  ins Herz geschlossen hat“. Sein Volk, die auf ihn hören, jeden von uns. Am heutigen Fest sollten wir nicht nur an das geöffnete Herz des Gekreuzigten denken, sondern an Gottes Herz, das uns in Jesus so menschlich offenbar geworden ist.

2. Den Menschen Christus bringen, oder soziale Hilfe?

Stehen wir nicht in der Kirche auch heute vor dem Dilemma, welchen Schwerpunkt sie setzen muss in Verkündigung und Tun?  Man wirft uns vor, Kirche zu einer sozialen Dienstleistungsanstalt gemacht zu haben, viel zu wenig den Menschen von Gott zu reden. 

Aber ist es nicht gerade dieser Gott, der schon im 1. Testament sich ganz den Armen zugeneigt hat, der gerade daran erkennbar wurde unter vielen anderen „Göttern“?

In der von Hildegard formulierten Weiheformel heißt es: „Ich danke Dir aus tiefstem Herzen dafür, dass Du mich würdigst, ein Werkzeug Deiner Liebe zu sein.“ Also nicht Christus bringen in weltferne Frömmigkeit, sondern  in den Werken seiner Liebe.

Aber um die Not richtig erkenne zu können, um auch die Kraft im Sozialen nicht alsbald bei Enttäuschungen zu verlieren braucht es die innige Vereinigung mit Christus, das Hören auf ihn im Gebet. Hildegard tat dies sehr oft „vor dem Tabernakel“, für sie wie ein geflügeltes Wort. Das erinnert mich heute an die vermehrte Anmahnung zu eucharistischer Anbetung.  Ein Proprium von uns Katholiken und damit wohl vor allem der Lateiner. Aber liegt nicht die Gefahr darin,  an der Zeit der Anbetung den Grad der Frömmigkeit zu messen? Hildegard wollte im Hören „vor dem Tabernakel“ versuchen, die „verworrenen Knoten anstehender Probleme zu lösen“ (Greshake)  Für sie waren es die Probleme der Armen, vor allem der Frauen, aber wohl auch  ihre Probleme mit der Kirchenleitung, wo ihr Vorhaben  einer Schwesterngemeinschaft neue Art zu gründen  nicht immer verstanden wurde. Woran denkt man heute bei eucharistischer Anbetung besonders?  Welche Knoten lösen sich dort?

Christus bringen wird erst zutiefst glaubwürdig, wenn er  der heilende Christus ist.  Und Hildegard weiß, dass es nicht nur gilt, individuelle Hilfe zu bringen, sondern die Strukturen zu ändern.

3.  Kindlichkeit und Selbstbewusstsein

Hildegard war eine hochintellektuelle Frau, geprägt vom Umgang mit führenden Philosophen.  Und auch in ihrem Engagement, sozial, politisch, kirchlich mangelte es nicht an gehörigem Selbstbewusstsein.  So ist sie wohl das Vorbild einer sehr starken Frau noch  bevor die Emanzipationsbewegung ihren Höhepunkt erreichte. Und doch war sie in ihrem Glauben kindlich. Das zeigte ihre religiöse Sprache vom „lieben Heiland“, „dem Christkindlein,“ dem „Kreuzlein“, dem „Brieflein das Gott schreiben soll“ was uns heute zurecht befremdet.  Sie lehnte sogar jedes kritische Nachdenken über den Glauben ab. „Ich habe mich entschlossen zu glauben  so wie es Gott und seine Kirche lehrt, darum will ich eben glauben und nicht wissen.“  (Koblbauer)  Solche Worte regen uns heute ja direkt auf.  Gilt es nicht, sich selbst Rechenschaft über den Glauben zu geben, ihn vor anderen auch zu rechtfertigen,  und doch immer wieder auch kirchliche Lehre,  wenn nötig,  zu hinterfragen?  

Mir scheint das heutige Evangelium eine Erklärung zu geben. „Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und er Erde, weil du all das den  Weisen und Klugen verborgen den Unmündigen aber offenbart hast.“  Daraus spricht wohl das nur Kindern eigene unverletzbare Vertrauen denen gegenüber zu haben, die sie lieben, Vater, Mutter. Der Kern ihrer Frömmigkeit war, sich wie ein Kind im Arm de Vaters geborgen und von ihm getragen zu fühlen. (Waach) Aber gerade diese Nähe zu Gott, zu Christus im Sakrament hat sie zu unvorstellbaren Aktivitäten motiviert und gekräftigt. Heute am Fest des Heiligsten  Herzen Jesus, das seit der Entstehung dieser Andacht so oft in Gefahr verkitsch zu werden  ist,  würde uns Hildegard zeigen, zu welcher Radikalität uns gerade dieses verwundete, aufgerissene Herz provozieren muss. 

Und nach außen ganz im Gegensatz zu ihrer religiösen Kindlichkeit tritt sie selbstbewusst in die Auseinandersetzung  mit Politikern, aber wenn nötig auch mit Männern der Kirche ein.

4. Das Leben nach dem Evangelium und das Leben in der Welt

Sie hat keinen Orden gründen wollen, sondern eine Schwesterngemeinschaft, die sich gegenseitig  stärkt und hilft im Drängen nach Werken der Liebe. Aber eine Schwesterngemeinschaft, die doch auch nach den evangelischen Räten leben soll. Aber widerspricht das nicht der von ihr durchaus geplanten „Weltlichkeit“ im Gegensatz zu einem Orden?

Die Schwestern der CS legen keine Gelübde ab, aber eine Lebensweihe, die sie heute an diesem Fest auch erneuern. Eine Lebensweihe, die auch die evangelischen Räte umfasst: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Hildegard war der Meinung, dass kein einziger Rat so ist, dass ihn nicht auch einer, der in der Welt, ist, sogar ein verheirateter, halten könnte. Armut, das bedeutet nicht den vollen Verzicht, wohl aber, nicht abhängig zu werden von Geld, Reichtum  und Macht. Keuschheit, auch in der Ehe,  meint  die Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens und der  zu schützenden Würde  eines jeden  Menschen. Gehorsam: Sich wohl einzuordnen, wo es not tut, aber auch zu „hören“, was Gottes Wille  ist und so wie in einem Orden auch gemeinsam zu hören, um seinen Willen besser erkennen zu können.

Nach den evangelischen Räten leben kann also auch heißen, ganz in der Welt leben, aber nicht in ihr aufgehen.  Und sind wir da nicht wieder beim Geheimnis des heutigen Festes?  Von Jesus heißt es „ er entäußerte sich  und wurde wie ein Sklave; er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz“.   Er hatte nichts, wohin er sein Haupt legen konnte, wurde noch von der Erde erhöht, um nackt und bloß sich darzubringen.  „Darum hat ihn Gott erhöht und verherrlicht.“

Feiern wir im Geiste mit Hildegard Burjan das Herz Jesu Fest an dem die Schwestern ihre Lebensweihe erneuern. Gehen wir selbst ganz bewusst in alle Spannungen unseres Lebens, auch die der Kirche. Ausgespannt wie am Kreuz werden wir dem ähnlich, dessen offenes Herz wir heute verehren, in dem wir uns geborgen wiederfinden. 


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