Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Predigt beim Festgottesdienst am Geburtstag von Hildegard Burjan am 30.1.2009

30. 1. 2009 Am Geburtstag Hildegard Burjans feierte Prälat Mag. Franz Schrittwieser mit Schwestern und Freunden der Caritas Socialis Eucharistie. Franz Schrittwieser ist leitender Rektor des Propädeutikums in Horn. Über 20 Jahre arbeitete er als Pfarrer und Krankenhausseelsorger in Krems/Donau mit Schwestern der Caritas Socialis zusammen, seit 1988 ist er in der Priesterausbildung tätig, zunächst Regens am St. Pöltner Priesterseminar, seit 2003 leitender Direktor in Horn. In seiner Predigt stellte er Hildegard Burjan als eine Gottsucherin, die auch heute zu Vertrauen aufruft und das Motto "Mit Spannungen leben - Spannungen mitleben" vorgelebt hat.

Wenn wir nach den tiefsten Wurzeln ihre Persönlichkeit und Spiritualität suchen, wird sie uns zur Lehrmeisterin nicht so sehr durch geistreiche Schriften, ihre Spiritualität gilt es in ihrem Leben zu entdecken.
Hildegard Burjan zählt zu den großen Gottsucherinnen. Sie war dabei besonders dem Gott des ersten Testamentes auf der Spur, dessen erste Liebe das Volk Israel war, also die Juden, das Volk, aus dem auch sie stammte. Der Gott ihrer Väter und Mütter offenbarte sich auf Sinai als der ich bin da. In der Liebe eines guten Vaters und eines eifersüchtigen Bräutigams begleitete er die Seinen durch eine bewegte Geschichte.
Hildegard Burjan hat Zeit ihres Lebens um den Glauben gerungen, in den Zeiten ihrer Krankheit, in ihrem sozialen und politischen Engagement. Diesen ihren Gott durfte sie auch finden, so kann sie in ihrem Sterben am Dreifaltigkeitssonntag sagen: Was für ein wunderschöner Tag zum Sterben ... wie schön das sein wird ... ausruhen bei Gott.

Mit ihrem ganzen Leben war sie verwurzelt in diesem Gott, der die Menschen liebt und auch uns zur Liebe befreien möchte. So kann sie sich auch hinauswagen in die Abgründe dieser Welt, in die Hinterhöfe Wiens zu den Ärmsten der Armen, während das satte Bürgertum im Wohlstand lebte.

Mit ihrem Werk der Caritas Socialis wurde sie nicht nur zur Pionierin der Sozialgesetzgebung in unserem Land, sondern setzte nach dem Vorbild Jesu dessen Liebe sie drängte Zeichen des anbrechenden Gottesreiches Signale eines gütigen und menschenfreundlichen Gottes, der seinen Kindern eine unantastbare Würde gibt, ob sie jung oder alt, leistungsstark oder behindert, gebildete oder  ungebildet sind.

Wenn wir sie mit großer Dankbarkeit an der Stätte ihrer Verehrung besuchen und sie hoffentlich bald unter die Seligen zählen dürfen, erinnere ich mich an eine Frage, die Kardinal König einmal stellte: Was würde Hildegard Burjan heute tun? Welche Aufgaben würde sie uns in die Zukunft mitgeben?

Wir leben in einer Zeit, in der die Berufungen ausbleiben. Viele Schwestern, die uns lieb und teuer waren, sind der seligen Gründerin in die Ewigkeit gefolgt, andere sind durch die Gebrechlichkeit des Alters oder der Krankheit gezeichnet. Die Gemeinschaft muß sich vielen Abschieden stellen, darf aber auch neue Aufbrüche erleben.
Hildegard Burjan möchte uns sagen: Habt Vertrauen.

Das Evangelium dieses Gottesdienstes führt uns an den Ort der Brotvermehrung, an dem sich Jesus zurückzieht, um in der Einsamkeit zu beten. Seinen Aposteln gibt er den Auftrag, ihm auf dem See vorauszufahren, vielleicht um in der Nacht beim Fischfang ihren kargen Lebensunterhalt zu verdienen.

Als in den frühen Morgenstunden der Fallwind kommt, geraten sie in Angst und Verzweiflung. Jesus kommt über den See, steigt ins Boot und beruhigt sie: Faßt Mut, habt Vertrauen.

In einer Zeit, in der sich in manchen Ordensgemeinschaften und in der Kirche unseres Landes oft Untergangsstimmung und Resignation breit macht, ist die Caritas Socialis den Idealen der großen Gründerin treu geblieben und versucht, mit Hoffnung die Gegenwart zu bewältigen und Weichen für die Zukunft zu stellen.

Dabei sollten wir den Blick auf Gott nicht verlieren, mit beiden Füßen in der Welt stehen und die Zeichen der Zeit deuten.

Ihr müßt manches loslassen, so schmerzlich es auch ist. Ihr versucht, neue Akzente zu setzen, wo es um den umfassenden Schutz des Lebens in all seinen Phasen geht. Ihr versucht, in euren Einrichtungen Partnerschaften einzugehen, damit das große Lebenswerk Hildegard Burjans weiterleben kann.

Die alt gewordenen Schwestern finden in Eurer Gemeinschaft immer noch sinnvolle Aufgaben und dürfen einen Lebensabend in Frieden und Geborgenheit erfahren.

Habt Vertrauen das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums, die Botschaft Hildegard Burjans. Fahrt weiter im Boot auf stürmischer See. Geht als Maria und Martha zugleich durch euren Alltag und versucht mit Spannungen zu leben und Spannungen mitzuleben.
Gott begleite Euch dabei mit seinem Segen.

Prälat Mag. Franz Schrittwieser

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