Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Ein Leben im Spiegelbild von drei Jahrhunderten

Ingeborg Schödl, Publizistin und  Biographin von Hildegard Burjan

Büste von Hildegrad Burjan
Hildegard Burjan Bronze-Kopf ©CS

 

Im 19. Jahrhundert war der Zugang zu einer höheren Bildung erst wenigen Frauen möglich. Hildegard Burjan hatte aber das Glück durch ihre Eltern die größtmögliche Förderung ihrer vielfältigen Begabungen  zu erhalten. 

Geboren wurde sie am 30. Jänner 1883 als zweite Tochter der jüdischen, religiös aber nicht gebundenen Kaufmannsfamilie Freund in Görlitz a.d. Neiße (damals Preußisch-Schlesien). Hildegard und ihre Schwester Alice besuchten in Berlin ein Mädchenlyzeum, maturierten aber, infolge der beruflichen Veränderung des Vaters, in der Schweiz. 

Hildegard zeigte Interesse an einem Universitätsstudium, ein Wunsch, den die Eltern unterstützten. Sie inskribierte an der Universität Zürich Germanistik und Philosophie. Eine wissenschaftliche Laufbahn war ihr Ziel. Während des Studiums heiratete sie Alexander Burjan. Trotz der Übersiedlung des jungen Paares aus beruflichen Gründen nach Berlin beendete Hildegard ihr Studium in der Schweiz. Zu einer Promotion kam es nicht, da die junge Frau im Oktober 1908 schwer erkrankte und ein monatelanger Spitalsaufenthalt notwendig war. Nach der Genesung übersiedelte das junge Paar nach Wien und die, inzwischen zum katholischen Glauben konvertierte Hildegard Burjan, engagierte sich nun auf dem weiten Feld der sozialen Arbeit.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts stand es um die Rechte der Frauen noch sehr schlecht. Bürgerliche, sozialdemokratische und katholische Frauenvereinigungen begannen sich für eine Verbesserung der Lebenssituationen von Frauen, ihren ideologischen Vorstellungen entsprechend, einzusetzen. Das aktive und passive Wahlrecht erhielten  Frauen erst 1918, nach dem Zusammenbruch der Monarchie.

Die bürgerliche Hildegard Burjan begann sich bereits vor dem 1.Weltkrieg  für die Rechte der arbeitenden Frauen einzusetzen. Sie gründete 1912 den Verein christlicher Heimarbeiterinnen, um dadurch eine Verbesserung der Lohnsituation zu erreichen, aber auch um den Frauen eine berufliche Weiterbildung zu ermöglichen. Während der Kriegsjahre galt ihre Sorge ebenfalls den Lebensumständen der Frauen. 

Nach dem Krieg nahm sie das Angebot der christlichsozialen Partei an, als Vertreterin der arbeitenden Frauen in die Politik zu gehen. Sie zog im März 1919 als erste und damals einzige christlichsoziale Abgeordnete ins Parlament der 1.Republik ein. Ihre Motivation war:  Ungerechte Strukturen können nur auf der politischen Ebene verändert werden und volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum.

Ihre politische Tätigkeit währte trotz der Effizienz ihrer Arbeit kurz, da sie sich voll und ganz ihrem Lebensziel, der Gründung einer religiösen Schwesterngemeinschaft widmen wollte. Die CARITAS SOCIALIS sollte sich vornehmlich um die Not von Randgruppen und deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft kümmern. 

Die CS-Schwestern sollten sich, nicht gebunden an starre klösterliche Regeln, in die Not der Zeit hineinbegeben.  Mit dieser neuen Gemeinschaft deren Vorsteherin sie als verheiratete Frau und Mutter war -  wollte sie auch neue Ideen auf dem Gebiet der Sozialarbeit verwirklichen. Viele von ihr initiierte Sozialprojekte gehören heute noch zum festen Bestandteil kommunaler Sozialangebote. 

Die Gleichberechtigung der Frau ist auch im 21.Jahrhundert noch nicht in allen Bereichen des Lebens, und nicht in allen Ländern Wirklichkeit geworden. Hildegard Burjans bedingungsloser und vorausblickender Einsatz für die Rechte der Frauen, für soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft, kann heute, 75 Jahre nach ihrem Tod, noch immer als Vorbild gelten. Denn noch immer gilt, was sie seinerzeit vehement einforderte: 

Frauenrecht ist alles, was die Frau zu ihrem Schutz und zur Erfüllung ihrer Menschheitsrolle von Staat und Gesellschaft fordern kann.

Sozial arbeiten heißt auch Vorbeugen, heißt Kluften, die innerhalb der Gesellschaft entstehen ... zu überbrücken suchen.