Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Hildegard Burjan und ihre jüdische Herkunft

Auszugsweise aus dem BuchSelig die nach der Gerechtigkeit dürsten Hildegard Burjan Leben . Werk . Spiritualität von Gisbert Greshake, Professor für Dogmatik

Um die spirituelle Gestalt Hildegard Burjans zu verstehen, muss man wohl ihren jüdischen Ursprung und Lebenshintergrund beachten. Das Wort Gott war im Elternhaus von Hildegard unbekannt und sie hat dort auch nie jüdische Glaubens-und Lebenspraxis erfahren. 

Sie hat später ihr eigenes Judentum bewusst verdrängt - bis dahin, dass sie ihrer Tochter Lisa bis zu deren Hochzeit die jüdische Herkunft beider Elternteile verschwieg. Nie nahm sie zur Judenfrage Stellung und in keinem ihrer offiziellen Lebensläufe wird ihr Judesein erwähnt. Trotz dieses Totschweigens ist die jüdische Prägung ihres Lebens und ihrer Spiritualität unverkennbar.

Eine der jüdischen Grundvisionen ist die im Alten Testament verwurzelte messianische Idee: Gott selbst bzw. sein Messias werden auf Erden Recht und Gerechtigkeit schaffen; so wird dann in dieser von Gott umgeschaffenen Welt einmal das Reich des Friedens und universalen Schaloms aufgerichtet werden. Aber schon jetzt sind das von Gott gerufene Volk und der von ihm berufene Mensch eingefordert, an diesem Werk mitzuarbeiten.

Diese biblisch-messianische Idee wurde in der Neuzeit säkularisiert, d.h. von ihren religiösen Wurzeln und ihrer religiösen Begründung gelöst und als Handlungsziel ganz und gar dem Menschen anheimgestellt..... Dieser säkularisierte messianische Gedanke war und ist die Mitte jenes aufgeklärten säkularisierten Judentums, das zwar den Gottesglauben über Bord geworfen hatte, aber dennoch an der utopischen Idee eines Reiches der Gerechtigkeit hier auf Erden festhielt und festhält. So ist es eben kein Wunder, dass sehr viele Sozialreformer der Neuzeit Juden waren, meist säkularisierten Juden, wie Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Leo Trotzki, Rosa Luxenburg ... Und es ist kein Wunder, dass die großen humanitären Bewegungen und Aktionen der Neuzeit von  Juden ausgingen, gerade auch in Deutschland und Österreich, und vor allem in den Jahren, da Hildegard Burjan in Wien wirkte ...

Wenn  wir auf Hildegard Burjan schauen, so wird auf diesem Hintergrund verständlich, dass sie bereits lange vor ihrer Hinkehr zum christlichen Glauben sozial engagiert war, ein Engagement, das wohl in ihrem Judentum und ihrer jüdischen Erziehung wurzeln dürfte. so gründete se schon am Anfang ihres Universitätsstudiums einen Hilfsfond für arme Studenten und steuerte selbst von ihrem nicht gerade üppigen Taschengeld dazu bei ... 

Schon zu Anfang ihres sozialen Engagements in Wien bemerkte sie, dass sie all das tut, weil ich mich jeden Augenblick irgendwie für das viele Traurige verantwortlich fühl, das auf der Welt geschieht .... all das erhebt sich deutlich auf einem jüdischen Hintergrund, weil sich in den damaligen christlichen Kirchen ( bis zur Enzyklika Leo XIII. RERUM NOVARUM )  soziales Engagement vorwiegend in individueller karitativer Hilfeleistung erschöpfte und der Gedanke einer solidarischen Verantwortung für die ganze Welt damals nirgendwo sonst auftaucht als eben in jüdischen Traditionen....

Noch ein weiteres hervorstechendes Element der Tätigkeit Hildegard Burjans weist auf einen jüdischen Hintergrund hin: ihr Engagement für die Frauenfrage... Zwar gab es schon vor Hildegard Burjan Ansätze einer katholischen Frauenbewegung in Österreich, doch hatte diese wie die gesamte katholische Sozialarbeit eher religiöse und karitative Motive. Es war nicht zuletzt Hildegard, welche der katholischen Frauenbewegung eine politische, d.h. sozialreformerische Zielsetzung gab.... Eine wesentliche Wurzel dieser politisch verstandenen Frauenemanzipation liegt gleichfalls im humanistischen Judentum der damaligen Zeit. Es waren jüdische Frauen....die 1884 in Deutschland den Bund deutscher Frauenvereine gründeten ...

Und noch ein letzter kleiner Verweis für das Jüdische bei Hildegard Burjan: Auch ihre Studienfächer Germanistik, Philosophie, Kulturgeschichte entsprechen perfekt dem verbreiteten Engagement jüdischer Eliten im damaligen Kulturleben Mitteleuropas ...