Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Frauen in der österreichischen Volksvertretung 1918/1919
Die Sozialpolitikerin Hildegard Burjan

Dr. Isabella Ackerl, Historikerin

Die Chance für Frauen, das Volk, von dem sie zumeist mehr als fünfzig Prozent darstellten, vertreten zu können, eröffnete sich für die österreichischen Frauen erst nach dem Ersten Weltkrieg. Das heißt nicht, dass sie nicht schon längst dafür gekämpft hatten.

Die bürgerlichen Frauen engagierten sich vor allem für die vermehrten Bildungschancen für Frauen, sie verlangten Mädchengymnasien, forderten die Zulassung von Frauen zu den Universitäten, all dies immer im Hinblick auf die Tatsache, dass viele Frauen gar nicht in den vermeintlich sicheren Hafen der Ehe gelangten, bzw. infolge von Witwenschaft oft unversorgt zurückblieben. Die Frauen der Sozialdemokratie forderten ebenso wie die Männer das Wahlrecht, um über diesen Weg Veränderungen, vor allem der sozialen Lage der schwerst ausgebeuteten, weil nicht ausgebildeten Frauen zu erreichen. 

Zweifellos gab es schon eine Reihe von Politikern, die vor dem Ersten Weltkrieg überzeugend für das Frauenwahlrecht eintraten, doch die Stunde der Frauen schlug erst nach der Katastrophe des Krieges. Schon während des Krieges hatten die Frauen in männliche Erwerbspositionen nachrücken müssen, um das Gesamtgefüge des Staates aufrecht zu erhalten. Diese Frauen, die durch ihre Positionen in der Arbeitswelt an Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft gewonnen hatten, ließen sich nicht mehr verdrängen. Außerdem lag es ganz im Kalkül der mächtigen Männer in den politischen Parteien, durch die Stimmen der Frauen die Zustimmungsbasis zu verbreitern. 

Die Personalreserve der politischen Parteien im Jahr 1918, als erstmals gewählt wurde, konnte nicht unterschiedlicher sein. In den Reihen der Sozialdemokraten wirkten schon seit Jahren einige Frauen, die mit dem politischen Geschäft vertraut waren, die bereits ganz konkrete Forderungen, oft auf Grund eigener problematischer Erfahrungen in der Arbeitswelt, ausgearbeitet hatten und nach den Wahlen sich mit Feuereifer in das politische Geschäft stürzten. 

Die Christlichsoziale Partei hingegen konnte nicht auf politisch geschulte Frauen zurückgreifen. Die einzige Frau, die sich bereits während des Krieges als Sozialpolitikerin profiliert hatte, war Hildegard Burjan. Sie wurde von den Parteigranden als einzige Frau an wählbarer Stelle nominiert, deckte sie doch durch ihre Aktivitäten während des Krieges ein breites sozialpolitisches Spektrum ab. 

Sie nahm sich besonders der Heimarbeiterinnen, der rechtlich ungeschützten Hausgehilfinnen und anderer sozialer Randgruppen an. Die soziale Lage nach dem Ersten Weltkrieg in einem zum Kleinstaat gewordenen Österreich, mit einer völlig verarmten Bevölkerung, die am Rande einer Hungerkatastrophe stand, ließ die Lösung sozialer Probleme höchst angeraten sein. 

Letztlich stand eine christlichsoziale Abgeordnete, nämlich die als politische Hoffnungsträgerin angesehene Hildegard Burjan, sieben sozialdemokratischen Mandatarinnen gegenüber, mit denen sie über Parteigrenzen hinweg punktuelle sachpolitische Kooperationen wagte.