Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Hildegard Burjan und der politische Katholizismus der ersten Republik Österreichs

Stellungnahme zur Verbundenheit Hildegard Burjans
mit dem Politischen Katholizismus in der Ersten Republik

P. Dr. Martin Leitgöb CSsR

Erstens: Hildegard Burjan war nicht nur eng mit dem Politischen Katholizismus der Ersten Republik verbunden, sondern unterstützte ihn auch mit ihren geistigen Begabungen und ihrem politischen Engagement. Dies gilt nicht nur für die relativ kurze Zeit, die sie als Abgeordnete zum Wiener Gemeinderat bzw. zur Österreichischen Nationalversammlung tätig war. Auch darüber hinaus hatte sie eine große Nähe zu wichtigen Persönlichkeiten der Christlichsozialen Partei, besonders zu deren Langzeitobmann und fünfmaligem Bundeskanzler Ignaz Seipel. In ihrem politischen Denken teilte Hildegard Burjan neben dem Programm auch die polemische Haltung der Christlichsozialen Partei gegenüber der Sozialdemokratischen Partei bzw. dem Sozialismus. Diese polemische Haltung hing freilich nicht zuletzt mit der antireligiösen, antikirchlichen und antiklerikalen Propaganda zusammen, die von den Sozialdemokraten bzw. Sozialisten geschürt wurde. Auch ein Mensch von der geistigen Weite und Tiefe einer Hildegard Burjan konnte nicht die Gräben überbrücken, welche sich durch ideologische Fixierungen auf beiden Seiten gebildet hatten. Tragisch war es, dass es trotz des sozialen Anliegens, das beide politischen Richtungen miteinander teilten, zu diesen Fixierungen kam. Ferner war es tragisch, dass durch die Teilnahme von Priestern an der aktiven Politik nicht nur die Christlichsoziale Partei, sondern auch die Katholische Kirche zum Konfliktteilnehmer wurde. Es gelang erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, besonders durch das Wirken von Kardinal Franz König, die tiefen Gräben zwischen der Katholischen Kirche und der Sozialdemokratischen Partei bzw. großen Teilen der Arbeiterschaft zu überwinden.

Zweitens: Trotz aller Nähe zu Persönlichkeiten der Christlichsozialen Partei, vor allem zu Ignaz Seipel, beschritt Hildegard Burjan dennoch ihren eigenen Weg. Dies bezeugt nicht zuletzt ihr frühes Ausscheiden aus der aktiven Politik. Ihr ging es hauptsächlich um das direkte religiöse und soziale Engagement und in diesem Zusammenhang um den Aufbau ihres zentralen Lebenswerkes, der Schwesternschaft „Caritas Socialis“. Obwohl Ignaz Seipel als Berater und Seelsorger auch daran unmittelbaren und maßgeblichen Anteil hatte, setzte Hildegard Burjan hinsichtlich der „Caritas Socialis“ ihre eigene Linie durch und wehrte sich gegen die von Ignaz Seipel intendierte Instrumentalisierung der Schwesternschaft als Vorfeldorganisation der Christlichsozialen Partei. Auch sonst gab es zwischen Hildegard Burjan und Ignaz Seipel durchaus unterschiedliche Sicht- und Vorgangsweisen, nicht zuletzt in politischen Fragen. Dies wird besonders in der Bewertung des Nationalsozialismus deutlich, dem Seipel vorsichtig offen gegenüberstand, während Burjan bereits früh und in geradezu prophetischer Weise die Dämonie dieser Bewegung erkannte und davor warnte. Eine ganz eigene Stellung nahm Hildegard Burjan innerhalb des Politischen Katholizismus schließlich durch ihre jüdische Herkunft ein. Der Antisemitismus, welcher der Christlichsozialen Partei seit Karl Lueger eigen war, machte sie trotz ihrer Nähe zu wichtigen Persönlichkeiten der Partei auch zu einer manchmal geschmähten Randfigur dieser politischen Bewegung.

Drittens: Die Seligsprechung Hildegard Burjans ist nicht als eine Würdigung ihres sicherlich ambivalenten politischen Engagements zu sehen. Seliggesprochen wird Hildegard Burjan als Gründerin und Vorsteherin der Schwesternschaft „Caritas Socialis“ und als Pionierin eines von christlichen Werten geprägten sozialen Engagements an gesellschaftlichen Randgruppen. Besonders aber ist die Seligsprechung eine Würdigung der religiösen Komponente im Leben Hildegard Burjans. Ihre geradezu mystische Glaubenskraft ließ sie zu einer Zeugin der weltverändernden und weltgestaltenden Kraft des christlichen Glaubens werden. Zudem ist es als bemerkenswert anzusehen, dass Hildegard Burjan auch das traditionelle kirchliche und gesellschaftliche Frauenbild durchbrach und wegweisend wurde, was das Engagement von Frauen in Kirche und Gesellschaft betrifft. In all diesen Bereichen wies sie weit über ihre Zeit hinaus und bleibt auch für die Gegenwart und Zukunft beispielgebend. Mehr und mehr wurde sie in ihrem Leben zu einer Persönlichkeit, welcher auch die politische Gegenseite Achtung und Respekt zollte. Dies erweist sich zum Beispiel an der würdigenden Stellungnahme des sozialdemokratischen Wiener Bürgermeisters Karl Seitz anlässlich ihres Todes: „Mit Hildegard Burjan ist eine Frau von uns geschieden, deren Andenken überall, wo man selbstlose Fürsorge schätzte, in Ehren gehalten werden wird. Ihr Leben war geleitet von dem hohen Gedanken der Nächstenliebe, ihr Wirken erfüllt vom edlen Drange zu helfen“. Die Seligsprechung Hildegard Burjans will vor diesem Hintergrund nicht alte Gräben aufreißen. Vielmehr handelt es sich um einen Beitrag, dass es im gesellschaftlichen Miteinander und im sozialen Einsatz nicht mehr zu solchen Zerklüftungen kommt, wie sie Österreich in der Vergangenheit erlebte. Ferner ermutigt die Seligsprechung Hildegard Burjans dazu, die zahlreichen Phänomene der Not und Armut in unserer heutigen Gesellschaft wahrzunehmen und nach Kräften Abhilfe zu schaffen.

Viertens: In der biographischen Erforschung der Persönlichkeit Hildegard Burjans wird man in Zukunft nichtsdestotrotz ihre Rolle im Politischen Katholizismus noch genauer in den Blick nehmen müssen. Dies ist bislang nicht in wünschenswerter Deutlichkeit geschehen. Zum Beispiel wäre es interessant zu erfahren, welche Meinung sie zu verschiedenen Vorgängen und Ereignissen der Seipel-Ära hatte. Man denke etwa an die Sanierung der maroden Finanzsituation Österreichs durch die Völkerbund-Anleihe im Jahre 1922 oder an die blutige Niederschlagung der Arbeiterproteste beim Justizpalastbrand im Jahre 1927. Die Persönlichkeit Ignaz Seipels wird in den bisherigen Burjan-Biographien durchwegs allzu unproblematisch dargestellt. Hier bedarf es einer höheren kritischen Sensibilität. Andererseits sollte freilich auch die allgemeine Geschichtsforschung die Bedeutung Hildegard Burjans als Politikerin, vor allem aber als christliche Sozialpionierin besser in den Blick nehmen. Auch dies ist bisher nur unzureichend geschehen.