Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Kirche in der Zwischenkriegszeit

Ingeborg Schödl, Publizistin

Die Kirche in Österreich stand 1918 dem Übergang von der Monarchie zu einer Republik, also zu einer demokratischen, vom Willen des Volkes getragenen Staatsform, mit Distanz gegenüber. Dabei ging es konkret gar nicht so sehr darum, wie Österreich nun regiert wird, sondern, wie es der Erzbischof von Wien, Kardinal Gustav Piffl formulierte  was wir von der Neuordnung der Dinge als Katholiken zu erwarten haben. Welche Geschicke unsere katholische Kirche treffen können....  Da mit dem Zusammenbruch der Monarchie auch das Konkordat (Vertrag zwischen Staat und Vatikan)  von 1855 außer Kraft gesetzt wurde, war die Sorge des Oberhirten verständlich.

Es kam auch bald zwischen den beiden führenden Parteien, den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten, zu heftigen Auseinandersetzungen, die unter der Bezeichnung Kulturkampf in die Geschichte eingingen. Die heißen Eisen waren vor allem die Bereiche Schule (Religionsunterricht), Ehe (Zivilehe) und Kirchensteuer. Die Kirche verteidigte ihre bisher innegehabten Bastionen mit aller Vehemenz. Um so mehr, als die Sozialdemokraten eine strikte Trennung von Kirche und Staat einforderten. Die künftige Stellung der Kirche sahen sie in einer rein privaten Vereinigung. Eine organisierte Kirchenaustrittspropaganda verschärfte die Auseinandersetzungen ebenso, wie die von sozialdemokratischen Politikern geforderte Verbannung der theologischen Fakultäten von der Universität. Der Hass entzündete sich vor allem an der Person des Führers der christlichsozialen Partei, dem Priester und Politiker Dr. Ignaz Seipel. Die Lage verschärfte sich zusehends und kulminierte schließlich in den Ereignissen des 15. Juli 1927 (Justizpalastbrand).

Aus dieser Situation heraus ist die Sympathie der Kirche für den 1933 unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß errichteten christlich-deutschen Ständestaat zu verstehen. Wohlwollend wurde aufgenommen, dass Dollfuß die Enzyklika Quadragesimo anno als wegweisend für die Gestaltung des von ihm errichteten Staatswesens bezeichnete. Im Juni 1933 wurde auch das von der österreichischen Kirche gewünschte Konkordat zwischen der Dollfuss-Regierung und dem Vatikan unterzeichnet. 

Hildegard Burjan verband  mit Prälat Ignaz Seipel (+ 1932 ) eine enge, bereits vor ihrer parlamentarischen Tätigkeit entstandene tiefe Freundschaft. Er war ihr Berater im Aufbau der Schwesterngemeinschaft CARITAS SOCIALIS, sie beriet ihn sicherlich in sozialpolitischen Fragen auch nach ihrem Ausscheiden aus der Politik. Ein Ausspruch Seipels bestätigt dies: Ich habe keinen Schritt in meinem Leben getan ohne ihren Rat und habe mir auch stets raten lassen. Burjan war auf gesellschaftlicher Ebene, vor allem durch die berufliche Position ihres Mannes, auch mit Engelbert Dollfuß näher bekannt. Die Auswirkungen seines autoritären Führungsstils (Austrofaschismus) erlebte sie nicht mehr.

Hildegard Burjan ist in ihrer politischen Haltung natürlich von den Zeitumständen geprägt gewesen. Als überzeugte Katholikin geriet sie daher bei ihrer Abgeordnetentätigkeit auch in das Spannungsfeld zur Sozialdemokratie. Ihre ruhige und sachliche Arbeit brachte ihr aber Sympathien selbst beim politischen Gegner (Ja, die Frau Abgeordnete Burjan, das ist wahrhaft eine Sozialistin) ein, und auch die sozialdemokratische Presse (Arbeiterzeitung 31.5.1919) war ihr wohlgesinnt. Vor allem bei der Konzipierung und Verabschiedung des Hausgehilfinnengesetzes, mit dem erstmals Rechtsgrundlagen für diesen Berufsstand geschaffen wurden, gelang ihr der Schulterschluss mit den sozialdemokratischen Kolleginnen, wie Gabriele Proft und Adelheid Popp. Verbürgt ist auch der Ausspruch des Sozialdemokraten Julius Tandler bei ihrem Ausscheiden aus der Politik: Gnädige Frau, es klingt wie das Gegenteil eines Komplimentes, wenn die feindliche Seite sagt, sie bedaure tief Ihr Weggehen, dennoch ist es echt gemeint.
Interessant ist ihre Beurteilung der kommunistischen Ideologie: Der Kommunismus in allen seinen Formen, in Schattierungen und Nuancen, ist eine Fieberblüte unserer Zeit, eine Reaktion gegen die individualistische Überspannung, den unsozialen Geist der Herrenmenschen der Vorkriegsjahre.  Und wahrlich vorausschauend die Bemerkung: Er wird auch in Russland verschwinden und vernünftigeren, realen Wirtschaftsformen Platz machen.

Im Gegensatz zur Einschätzung des österreichischen Episkopats erkannte sie, vielleicht auch durch ihre jüdische Herkunft, die Gefahr des sich ausbreitenden Nationalsozialismus sehr früh Ihr werdet sehen, die Nazis werden auch in Österreich siegen und die Bischöfe werden sich mit dem neuen Regime arrangieren wollen. Die Ereignisse des Jahres 1938  bestätigten ihre Prophezeiung. Als Jüdin, christlichsoziale Politikerin und vehemente Nazi-Gegnerin  wäre ihr die Verfolgung durch das NS-Regime sicherlich nicht erspart geblieben. Hildegard Burjan starb am 11. Juni 1933.