Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Homilie am Namenstag von Fr. Hildegard Burjan
17. September 2008

Les 1 Joh 4,7-12  Ev  Lk 10, 25 37
Weihbischof DDr. Helmuth Krätzl

Elf Tage vor der Nationalratswahl an Hildegard Burjan denken führt fast unweigerlich zur Frage: welchen Geist würde sie heute in die Politik einbringen? Ich glaube, sie träte sehr energisch ein für eine Politik, die inhaltlich ist, aber auch nachhaltig.

Eine Politik mit Inhalt


Der Inhalt ihrer Politik war immer der Mensch. Es war nicht der potentielle Wähler, der unbefriedigte Konsument, sondern der Mensch in seiner Not. Für Burjan war es besonders die Frau. Die Frau in den Hinterhöfen der Armut, die Frau überlastet mit Heimarbeit, die Frau, die zwischen Kinderkriegen  und schlecht bezahlter Lohnarbeit krank wird. 

Es war erstaunlich, wie die Akademikerin und Philosophin die Realität des Alltags wahrnahm. Die Frau aus gut situierten Verhältnissen sich einfühlte in die Not der untersten Schicht. Freilich war ihr Motiv nicht nur humanitäres Mitgefühl, sondern Konsequenz ihres Glaubens.  Es war der Glaube an jenen Gott, der die Welt so liebte, dass er seinen einzigen Sohn sandte. Ein Gott, der selbst die Liebe ist und den nur erkennt, der selber liebt. 

Aber war ihre Liebe umfassend? Sorgte sie sich nicht vor allem um die christlichen Frauen? Das mag verschiedene Gründe damals  gehabt haben. Einmal, dass sie zeigen wollte, dass gerade eine christliche Partei sich für die Frau in besonderer Weise einsetzt. Wohl auch, um in der eigenen Partei solches vorwurfsvoll zu forcieren, was keineswegs selbstverständlich war.  Zum anderen aber auch, um hier ein Frauenbild zu schärfen, das zu wenig betont war. Freilich war ihr Mutterschaft sehr bedeutend, und doch trat sie schon damals ein für das Recht der Frau auf Arbeit. Sie forderte, was heute noch immer nicht ganz erreicht ist, gleichen Lohn für Frauen  und Männer. Sie setzte sich ein für Mädchenschutz  und Mädchenbildung. Sie schmähte nie den politischen Gegner, sondern sie beschämte ihn gleichsam durch das noch viel bessere Engagement. 

Sie gab damit aber auch der Kirche ein  heilsames Vorbild gelebter Soziallehre, die damals gerade erst  in den Anfängen steckte.  Und bot damit auch Arbeitern, die vorher gemeiniglich die Kirche als politischen Gegner sahen, Schutz und Heimat. Erfreulich, dass sie in der Kirche nicht nur Gegner hatte, sondern  höchste Förderer, wie Prälat Seipel und Kardinal Piffl. Das war nicht immer so.

Heutigen Politikern würde sie wohl ins Gewissen reden: macht nicht nur Wahlwerbung, sondern inhaltliche Politik. Und der höchste Inhalt muss der Mensch sein. Gerade jener, der keine Lobby hat. Das Kind, der Kranke und Alte, der vielfach Ausgegrenzte. Und auch gerade die Frau. In keiner der Wahlkonfrontationen war die Frauenfrage im Vordergrund, obwohl  ausdrücklich danach gefragt wurde.  
Ich freue mich, dass in der  CS gerade diese Inhalte  vorranging sind. CS wird dabei von der Öffentlichkeit anerkannt, sogar gefördert. Aber eher, um Probleme abzuschieben? Oder lernt die Politik auch davon, dass man vorurteilslos, ohne Kalkül helfen soll, um wirklich humanitär gelten zu können?

Eine nachhaltige Politik


Hildegard Burjan wusste, dass Hilfe nicht nur in milden Gaben bestehen darf, in einmaligen Zuwendungen, sondern nachhaltig sein muss. Deshalb gründet sie Vereine: Für christliche Heimarbeiterinnen.  Für soziale Fürsorge für erwerbslose Frauen  und Mädchen. Einen Reichsverband katholischer Arbeiterfrauen mit einer Sektion für Straßenbahnerinnen.  Eine Soziale Zentrale.  Und schließlich schon vor der Schwesterngemeinschaft  CS einen  Verein Caritas Socialis. 

Um nachhaltig wirken zu können ging sie in die Politik: in den Wiener Gemeinderat, auch in die Nationalversammlung. Caritas war für sie mehr als milde Gabe, punktuelle Hilfe. Strukturen müssen sich ändern. Und man muss dorthin gehen, wo sie zu ändern sind.

Wir haben das Evangelium vom barmherzigen Samariter gehört. Es ist zunächst beschämend, dass Priester und Levit vorbeilaufen, um nicht unrein  zu werden. Jesus wollte den guten Geist des Samariters herausstreichen, der eigentlich als Heide galt. Für uns auch eine Mahnung, das viele Gute nicht zu übersehen, dass nach unserem Urteil  Ungläubige tun. 

Aber es gibt eine sehr originelle Auslegung dieses Gleichnisses. Offenbar geschahen an dieser einsamen Straße von Jerusalem nach Jericho immer wieder Raubüberfälle. Und einer, der diese Strecke oft ging, hat immer wieder geholfen. Bis er sich dachte: ich möchte dem Übel auf den Grund gehen. Den Weg sichern.  

Man soll nicht nur helfen, wenn etwas geschehen ist, sondern trachten das Übel zu verhindern. Burjan könnte ähnlich gedacht haben. Nicht nur immer wieder helfen, sondern Gesetz und Gesellschaft, Betriebe so zu ändern, dass nicht mehr so viele halbtot am Bodenliegen bleiben. 

Burjan würde unseren Politiker auch raten, nicht schnell vor der Wahl kosmetisch zu kaschieren, was schlecht ist, sondern endlich jene grundlegenden Pläne anzupacken, und zwar gemeinsam, wo Familien, wo Frauen und Müttern, wo Pflegebedürftigen strukturell geholfen wird. 

Es ist gut, dass die Schwesterngemeinschaft der CS solche Strukturen anbietet. Für Mutter und Kind, für Alte und Pflegebedürftige,  für Sterbende und ihre Angehörigen. Sie sind damit dem Samariter des Gleichnisses ähnlich, der den Halb-Toten aufnimmt, dorthin bringt, wo ihm geholfen werden kann. 
Am heutigen Gedächtnistag will  Hildegard Burjan aber  wohl durch die CS vielen anderen sagen, wie Jesus damals dem Gesetzeslehrer: Dann geh und handle genauso. 

Die letzte Form des nachhaltigen Dienstes ist nämlich nicht die Struktur allein, sondern die Änderung der Gesinnung in der Gesellschaft.  Ein großes Unterfangen.  Aber gerade Christen sind dazu da, solches nicht nur zu fordern, sondern in jeglicher Form überzeugend vorzuleben. Und die Caritas Socialis hat dies als Erbe und Auftrag ihrer Gründerin.