Foto von Hildegard Burjan
Erzdiözese Wien

Das konservative Mutterbild einer fortschrittlichen Frau

Ingeborg Schödl, Publizistin und  Biographin von Hildegard Burjan

 

HB Tochter
Tochter Elisabeth © CS

 

"Bei Lisa habe ich versagt" bekannte die Mutter und
"Ich stehe immer im Schatten meiner Mutter"sagte die Tochter. 
 

Diese beiden Aussagen bringen das schwierige Verhältnis zwischen  Hildegard Burjan und ihrer Tochter Elisabeth auf den Punkt. Mutter und Tochter konnten auf Grund ihrer sehr gegensätzliche Charaktere schwer zueinander finden. Die Mutter,  eine sehr beherrschte Frau, die ihre Gefühle kaum öffentlich zeigte. Die Tochter dagegen ein zu starken Gefühlsschwankungen neigendes Temperamentbündel. 

Die einzige Tochter des Ehepaares Burjan, Elisabeth Aloisia wurde am 27. August 1910 in Wien geboren. Die Schwangerschaft verlief infolge der vorausgegangen Operationen sehr schwierig. Die Ärzte rieten daher aus  medizinischen Gründen sogar zu einem Abbruch, doch Hildegard Burjan lehnte dies aus religiösen Gründen vehement ab. Bei der Geburt trat bei der Gebärenden eine Gehirnembolie ein, die sie in akute Lebensgefahr brachte.

Lisa wuchs als typisches Einzelkind in einem großen Haushalt auf, wo sich immer jemand fand, der auf ihre spontanen Wünsche einging. Aus diesem Grund beschlossen die Burjans das Kind bereits ab der Volksschule in ein Internat zu geben. Lisa kam zu den Dominikanerinnen in Wien-Hütteldorf. 

Lisa sollte eine gediegene, vor allem auch religiöse Erziehung genießen. Das Fehlen einer solchen empfand die Konvertitin Hildegard Burjan stets als Manko in ihrer Biographie.  In das Reglement einer Klosterschule konnte sich das empfindsame und ungestüme Kind nicht einordnen. Es kam immer wieder zu Schwierigkeiten, bis zur Androhung eines Schulverweises. 

Die Probleme verstärkten sich in der Pubertät, daran änderte auch nichts, dass Lisa nun wieder im Elternhaus wohnte. Lisa rebellierte gegen den goldenen Käfig , in den sie die sonst so überlegte Hildegard Burjan durch Kontrolle und übertriebene Fürsorge sperrte. 

Durch  eine möglichst baldige Heirat glaubten die Eltern die Probleme aus der Welt schaffen zu können. Ein damals nicht unübliches Agieren, um vor allem rebellische Töchter  zur Räson zu bringen.  Ein Tanzpartner Lisas entsprach den elterlichen Vorstellungen. Einige Wochen nach der pompös gefeierten Hochzeit kehrte Lisa aber ins Elternhaus wieder zurück. Der gesellschaftliche Skandal war perfekt. Die Ehe wurde infolge Nichtvollzuges kirchlich annulliert. Lisa dürfte vermutlich zu einer stabilen Beziehung nicht fähig gewesen sein. Sie nahm wieder ihren Mädchennamen an und blieb unverheiratet.

Lisa Burjan absolvierte eine Dolmetscherausbildung und ging bereits vor 1938 ins Ausland. Die Kriegsjahre verbrachte sie teils in England, teils in Amerika. Nach dem Krieg ließ sie sich in Rom nieder, wo sie hochbetagt am 26. Februar 2005 starb.

Lisa Burjan war 23 Jahre alt als ihre Mutter am 11. Juni 1933 starb. Ihr Leben blieb bis ins hohe Alter einerseits vom Stolz auf ihre berühmte Mutter, andererseits von dem Gefühl, ständig an ihr gemessen zu werden, geprägt. Der Schritt der Loslösung vom Bild der Mutter ist ihr nie gelungen. 

Das Mutterbild von Hildegard Burjan ist aus heutiger Sicht sicher schwer nachvollziehbar. Besonders dann, wenn man die Biographie, dieser ihrer Zeit weit voraus handelnden und denkenden Frau kennt. Als Politikerin setzte sie sich vehement für die Rechte und Gleichbehandlung der Frauen ein, zwang aber ihrer Tochter ein dem Zeitgeist entsprechendes Rollenbild auf. 

Damals wie heute entspricht ihr Handeln aber der Fassungslosigkeit von Eltern gegenüber dem so ganz Anderssein ihrer Kinder. Eltern wollen meist das Beste - aber ist das immer das Richtige?