Foto von Hildegard Burjan
Erzdiƶzese Wien

Warum Seligsprechung?

In einem Beitrag von Maria Katharina Moser in der Sendung Orientierung vom 24. 4. 2011 sprechen Mag. Andreas Lotz und Prof. Josef Niewiadomsky über Wunder und nehmen dabei auf das Wunder im Seligsprechungsverfahren Hildegard Burjans Bezug.

Gerade weil in letzter Zeit viele Selig- und Heiligsprechungen stattgefunden haben, bewegt manche Menschen die Frage: Warum heute noch eine Seligsprechung?

Auch die Schwestern der Caritas Socialis haben sich damit während der langen Zeit des Seligsprechungsverfahrens (seit 1963) auseinander gesetzt. Immer wieder haben uns von Hildegard Burjan begeisterte Menschen außerhalb der CS aber ermutigt, die Hoffnung auf eine Seligsprechung nicht aufzugeben, denn der Kirche sollte eine Selige, die Mutter, Ehefrau und sozial engagierte Politikerin war, nicht vorenthalten werden.

Heute sehen wir in der Seligsprechung eine Chance. Es geht nicht nur darum, dass Hildegard Burjan von der Kirche als Selige angesprochen wird. Durch diese offizielle Anerkennung wird ja auch Hildegard Burjans Weise zu leben und sich aus dem Glauben Kraft für ihr Engagement für Menschen zu holen, als vorbildlich herausgestellt. Ihr vielfältiges Tun als Frau in Ehe und Familie, in Politik und Kirche findet dadurch Beachtung.

Unserer heutigen Zeit tut eine Frau als Vorbild (wieder) gut, die wie Hildegard Burjan die Dinge mutig in die Hand genommen hat, die verantwortungsvoll gesellschaftliche Strukturen mitgestaltet und soziales Engagement nicht als reines Almosengeben verstanden hat, sondern versuchte, innovative Antworten auf die Fragen ihrer Zeit zu geben. All das entspricht den Zielsetzungen der CS heute. Auch die Einrichtungen der CS wollen das, was Hildegard Burjan gemeint hat, in ebenso innovativer Weise fortsetzen.

Verehrung Heiliger und Seliger in der Kirche

Die Verehrung von Heiligen und Seligen hat in der Kirche von frühester Zeit an Tradition. Wurden zunächst die Märtyrer als (Blut)zeugen des Glaubens verehrt, so zählen ab dem 3. Jahrhundert auch jene ChristInnen dazu, die ihren Glauben vorbildlich gelebt haben. Im Mittelalter prägte sich der Gedanke der Fürbitte der Heiligen (Patrone) besonders aus, was in der Zeit der Reformation erheblichen Widerstand auslöste und in der Gegenreformation zur Unterstreichung des Gedankens der Heiligen als konkrete Verwirklichung der Heiligkeit der Kirche führte.

Im Jahre 2000 wurde ein Dokument der Deutschen Bischofskonferenz und der Vereinigten-Evangelisch-Lutherischen-Kirche Deutschlands mit dem Titel Communio sanctorum ("Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen") veröffentlicht, in dem man hinsichtlich der Heiligen zu folgender ökumenischer Übereinstimmung kommt: Die ganze Existenz der Heiligen ist bis in die Wurzel hinein geprägt und zur Reife gebracht worden durch die Gnade Christi. Ohne diese sind sie für die Kirche ohne Bedeutung, durch sie aber werden sie zu Zeugen der Liebe Gottes zu den Menschen. Dadurch werden sie für unseren Glauben zu helfenden Vorbildern.

Wunder-bares

Teil des Seligsprechungsverfahrens ist die Durchführung eines Wunderprozesses. Das Kirchenrecht will es, dass vor einer Seligsprechung so es sich nicht um eine Märtyrerin handelt eine wunderbare Gebetserhörung nachgewiesen wird.

Weihbischof Dr. Helmut Krätzl verwies in seiner Homilie zum Abschluss des diözesanen Seligsprechungsverfahrens für HIldegard Burjan auf die vielen Wunder im Leben von Hildegard Burjan: 

Ein Wunder war ihre Konversion. Eine jüdische Frau, die in einem katholischen Krankenhaus gepflegt wurde und gerade im so selbstlosen Tun der Schwestern das wesentliche des Christlichen erkennt und den Ruf Jesu dadurch hört.

Auch ihre Genesung war ein Wunder. Als nach vier schweren Operationen sich keine Heilung einstellen wollte, nahm ihr Gatte am Karsamstag 1909 voll Verzweiflung von ihr Abschied. Am Ostersonntag darauf aber standen die Ärzte vor der unerklärlichen Tatsache, dass plötzlich der Organismus zu neuem Leben erwachte.

Als sie bald nach diesen furchtbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen schwanger wurde, rieten die Fachärzte unbedingt zu einer Abtreibung, da die Mutter die Geburt nach menschlichem Ermessen wohl nicht überleben könne. Mit größter Entschiedenheit wehrte sie ab. Wenn ich sterbe, bin ich ein Opfer meines Mutterberufes. Wieder glich es einem Wunder, dass sie am 27. August 1910 einer gesunden Tochter das Leben schenkte.

Verwunderung erregte es, wie sie als Frau in der Politik sich Ansehen und Geltung verschaffte. Fast unverständlich war, dass sie, als geborene, aber getaufte Jüdin, in der christlich sozialen Partei ein Mandat bekam, in der damals antisemitische Tendenzen herrschten.

Und fast wie ein Wunder mutet es an, dass sie trotz aller so heftigen Widerstände in der Kirche, als verheiratete Frau und Mutter, unter Aufrechterhaltung ihrer Ehe und Familie eine religiöse Schwesterngemeinschaft gründen konnte.

Eine Reihe von Wundern wären noch aufzuzählen, wenn man an die bewegte Geschichte der Caritas Socialis denkt und an das vielfältige soziale Wirken, das sich auf ihrem Boden entwickelte.

Im Falle Hildegard Burjans wurde aus vielen Gebetserhörungen gerade eine gewählt, wo eine Frau nach mehreren Operationen nach medizinischem Standpunkt kein normal entwickeltes Kind zur Welt bringen hätte können und später drei gesunden Kindern das Leben schenkte. Offenbar hat diese Frau gerade jener Fürsprecherin besonders vertraut, die fast in ähnlicher Lage gewesen ist.

Es gibt so viele Seligsprechungen. Wohl keine wäre so zeitnah, wie die von Hildegard Burjan. Wir wünschen uns so sehnlich die Seligsprechung, weil sie so vielfach zeichenhaft, ermutigend wäre. 

Eine Ermutigung für so viele Frauen heute, die sich oft schwach und hilflos in ihrem politischen Engagement vorkommen und in Gefahr sind, aufzugeben.

Eine Ermutigung für viele Frauen innerhalb der Kirche, ihr Charisma unerschrocken einzubringen, Neues zu wagen und unverdrossen bis zur Erreichung des Zieles zu kämpfen.

Ein markantes Zeichen in einer Zeit, wo hunderte Kinder abgetrieben werden, dafür Dutzente im Reagenzglas gezeugt oft in Eisschränken warten müssen, ob sie weiterleben dürfen. Der Lebenseinsatz von Hildegard Burjan, nicht zuletzt auch jene Gebetserhörung, soll zeigen, welche Würde der Mensch, der Ungeborene und Kranke hat, der heute so leichtfertig nach dem Nutzen für die Gesellschaft bemessen und über dessen Eintritt ins Leben oft aus sehr durchsichtigem, egoistischen Kalkül entschieden wird. Hildegard Burjan wurde in ihrer Zuwendung zu den Menschen zu einem Abbild der Liebe Jesu. Wir erwarten uns von ihrer Verehrung als Selige eine Neuentdeckung SEINES für die Menschen geöffneten Herzens in einer oft so herzlosen, wahrhaft unseligen Zeit.

(teilweise zitiert aus der Homilie zum Abschluss des diözesanen Seligsprechungsverfahrens für Hildegard Burjan, gehalten von Weihbischof Dr. Helmut Krätzl am Herz Jesu Fest, 22. Juni 2001)

Sr. Mag. Karin Weiler, CS